Evangelisch-Theologische Fakultät
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Festakt anlässlich des 75. Geburtstages von Herrn Prof. Dr. Dr.h.c. D.D. (mult.) F.B.A. Wolfhart Pannenberg am 11.12.2003.

Grußwort des Dekans der Evang.-theol. Fakultät Prof. Dr. Klaus Koschorke

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Freunde, Kollegen und Weggefährten von Wolfhart Pannenberg
Sehr verehrte, liebe Frau Pannenberg
Sehr geehrter, lieber Herr Pannenberg

Ich freue mich, Sie hier herzlich willkommen zu heißen. Wir sind zusammen-gekommen, um Wolfhart Pannenberg anläßlich seines 75. Geburtstags zu ehren. Der Geburtstag selbst liegt bereits einige Wochen zurück. Er wurde in Tutzing von Freunden und Schülern im Rahmen eines internen Symposiums begangen. Aber die Evangelisch-theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität hat es sich nicht nehmen lassen wollen, ihrerseits ihr prominentes Mitglied und prägende Gründergestalt öffentlich zu würdigen.

Wir tun dies in bewegten Zeiten. In Bayern wie im gesamten Bundesgebiet sind die Universitäten von einer beispiellosen Kürzungswelle bedroht. Auch die Theologie als akademische Disziplin steht auf dem Prüfstand. Erst gestern tagte hier in München die inneruniversitäre Arbeitsgruppe „Abbau und Profilierung“, intern auch als „Kannibalisierungskommission“ bekannt. Sie hat den Auftrag, die Streichung ganzer Studiengänge zu prüfen. Mit den anstehenden Sparvorgaben befasst sich heute der Senat der Ludwig-Maximilians-Universität – weshalb Rektor, Prorektor und Kanzler nicht an dieser Veranstaltung teilnehmen können. Ebenfalls mit dem Ausdruck größten Bedauerns und unter Verweis auf andere unaufschiebbare Verpflichtungen haben sich der Bischof der Bayerischen Landeskirche sowie weitere prominente Persönlichkeiten entschuldigt. Sie bitten umso herzlichere Grüße auszurichten.

In der aktuellen hochschulpolitischen Debatte ist viel von Exzellenz, Internationalität und Interdisziplinarität die Rede. Wenn es einen Wissenschaftler gibt, der diese Qualitäten im Bereich der theologischen Wissenschaft in hervorragender Weise verkörpert, so ist dies sicherlich Wolfhart Pannenberg. Wo man auch immer hinkommt – nach Oxford, Chicago und Rom oder aber auch nach Seoul (Korea), Accra (Westafrika), Sao Leopoldo (Brasilien) oder Kottayam (Indien) – und sich als Angehörigen der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität München zu erkennen gibt, so ist oft die erste Reaktion: „Is this not the university where Pannenberg has been teaching?“ Gelegentlich verbindet sich das mit dem Hinweis: „Letzte Woche war er noch hier und hat einen Vortrag gehalten.“ Schülerinnen und Schüler von Wolfhart Pannenberg lehren oder lehrten in Deutschland, in der Schweiz, Frankreich, den USA und Kanada. Die Werke von Wolfhart Pannenberg sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt – Englisch, Spanisch, Italienisch, Dänisch, Polnisch, Rumänisch, Chinesisch.

Wolfhart Pannenberg wurde am 2. Oktober 1928 in Stettin geboren. Später zog die Familie eines Zollbeamten in verschiedene deutsche Grenzstädte und 1942 nach Berlin. Intensiv erlebte der Gymnasiast die Schrecken des Krieges. Mit 16 Jahres wurde er Soldat, entging anders als viele Klassenkameraden dem Tod an der Ostfront und geriet 1945 für kurze Zeit in britische Kriegsgefangenschaft. Obwohl er in einem nichtchristlichen Umfeld aufgewachsen war, entschied er sich für das Studium der Theologie und Philosophie. Einer der auslösenden Momente war dabei die Erfahrung, dass sich das von Nietzsche vermittelte Bild des Christentums nicht mit den eigenen Erfahrungen deckte. Das 1947 in Ost-Berlin an der Humboldt-Universität begonnene Studium fand seine Fortsetzung in Göttingen, Basel und Heidelberg. Zu seinen Lehrern in der Philosophie zählten Nicolai Hartmann, Karl Jaspers und Karl Loewith. Prägende Lehrer in der Theologie wurden Karl Barth, Gerhard von Rad, Hans von Campenhausen und Edmund Schlink. 1953 promovierte er in Heidelberg über die Prädestinationslehre des Duns Scotus, 1955 erfolgte die Habilitation mit einer Arbeit über die Geschichte des Analogiebegriffs. Von 1958 bis 1961 lehrte er als Professor für systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. 1961 nahm er einen Ruf an die Universität Mainz an. Seit 1968 lehrte Wolfhart Pannenberg an der neu gegründeten Evangelisch-theologischen Fakultät in München, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 tätig blieb – trotz ehrenvoller Berufungen aus dem In- und Ausland. Gastprofessuren führten ihn bereits zuvor nach Chicago, Harvard und Claremont (California).

Der Aufbruch der evangelischen Theologie in den 60er Jahre verbindet sich in besonderer Weise mit dem Namen Wolfhart Pannenberg. Die Wiederentdeckung der Geschichte als Medium der Offenbarung Gottes – wie sie 1961 in der Programmschrift „Offenbarung als Geschichte“ formuliert wurde - markierte einen deutlichen Neuansatz gegenüber der bis dato herrschenden Wort-Gottes-Theologie. Denn gegenüber der existentialen Hermeneutik der Bultmannschule und dem autoritären Offenbarungsdenken des Barthianismus wurde mit dem Verweis auf die Geschichte ein Bereich benannt, der der allgemein-menschlichen Erfahrung und rationalem Diskurs offenstand. „Vernunft des Glaubens“ lautet so ein anderes zentrales Stichwort der Pannenbergschen Programmatik und ist zugleich der Titel einer ihm 1988 gewidmeten Festschrift. Der Nachweis der Vernünftigkeit des Glaubens und der Wissenschaftlichkeit der Theologie aber läßt sich nur im interdisziplinären Dialog führen. Deshalb zählt das intensive Gespräch mit der Philosophie von Anfang an zu den hervorstechenden Merkmalen der theologischen Arbeit Wolfhart Pannenbergs, und ich freue mich, unter den Anwesenden prominente Gesprächspartner dieses andauernden Dialogs begrüßen zu dürfen. Wichtig war aber ebenso auch das Gespräch mit den modernen Sozial- und Naturwissenschaften, sofern sie weltanschauliche Gesamtdeutungen des Lebens formulierten. Dieser andauernde Dialog prägt das gesamte Schrifttum – von Arbeiten wie „Wissenschaftstheorie und Theologie“ (1973) und „Anthropologie in theologischer Perspektive“ (1983) bis hin zur „Systematische Theologie“ von 1988-1993, die zu den großen systematischen Gesamtentwürfen des 20. Jahrhunderts zählt. Gewidmet hat Wolfhart Pannenberg sein breites literarisches Oeuvre immer wieder der Frau an seiner Seite, ohne deren Unterstützung er sich seine Arbeit nicht vorstellen konnte. Wir freuen uns, diesen Festakt gemeinsam mit Ihnen beiden begehen zu können, und dies in guter Gesundheit.

International wie die Lehr- und Vortragstätigkeit ist auch die Rezeption der Arbeiten von Wolfhart Pannenberg. Eine kürzlich erstellte Auswahl der Sekundärliteratur über sein Oeuvre weist Publikationen in fast allen europäischer Sprachen aus. Gar nicht erfaßt sind dabei die einschlägigen Arbeiten etwa in asiatischen Sprachen (wie Japanisch, Koreanisch) sowie die beachtliche Resonanz, die Wolfhart Pannenberg auch in den außereuropäischen Kirchen findet. Das Spektrum reicht dabei von den kritischen Voten lateinamerikanischer Befreiungstheologen bis hin zu den Stimmen afrikanischer Christen, die aus inkulturationstheologischem Interesse auf Pannenberg rekurrieren. Zahlreich sind die nationalen und internationalen Ehrungen, die Wolfhart Pannenberg zuteil wurden. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und der bayerische Maximiliansorden zählen dazu ebenso wie die Mitgliedschaft in verschiedenen europäischen Akademien sowie die zahlreichen Ehrendoktorate v.a. britischer Universitäten (1972 Glasgow, 1977 Manchester, 1979 Dublin, 1993 St. Andrews, 1997 Cambridge), aber auch im spanischen Sprachraum (1999 Universität Comillas in Madrid).

Der Name Wolfhart Pannenberg ist aufs das engste verknüpft mit der Geschichte der Evangelisch-theologischen Fakultät in München. 1968 gegründet, entwickelte sie sich rasch zu einem bedeutenden Zentrum theologischer Forschung in Deutschland. Nicht allgemein bekannt ist, dass die Initiative dazu weder von der Kirche noch von der Staatsregierung ausging. Vielmehr war es der Senat der Ludwig-Maximilians-Universität, der von sich aus die Gründung einer evangelisch-theologischen Fakultät zur Schärfung des Profils der Universität in der Landeshauptstadt im Sinn der universitas litterarum für notwendig erachtete und 1964 einen entsprechenden Antrag stellte. Die Gründungsdokumente vermerken dabei die rege Unterstützung durch die katholisch-theologische Fakultät – ein Zeichen ökumenischer Verbundenheit, die bis heute andauert (und in der Präsenz zahlreicher Kollegen aus der Katholischen Fakultät sichtbar wird, die ich sehr herzlich begrüßen möchte). Es waren v.a. Heinrich Fries (sowie später Heinrich Döring) auf katholischer und Wolfhart Pannenberg auf evangelischer Seite, die dieser ökumenische Zusammenarbeit eine institutionelle Gestalt gaben. In gemeinsamen Seminaren der ökumenischen Institute beider Fakultäten – damals eine ausgesprochene Pioniertat – wurden systematisch die großen zwischen den beiden Kirchen strittigen Lehrgegensätze behandelt, so wie das gleichzeitig auch in der internationalen Kommissionstätigkeit geschah. Die unter der Leitung von Karl Lehmann und Wolfhart Pannenberg entstandenen Lehrverurteilungsstudien der achtziger Jahre, die die ökumenische Dynamik zwischen Katholiken und Lutheranern erheblich beschleunigte, stehen dabei ebenso in Kontinuität zu der in München erprobten Praxis des ökumenischen Gesprächs wie die langjährige Mitwirkung Pannenbergs in der Kommission für Faith and Order des Weltkirchenrates, der er als Delegierter der EKD 1975–1990 angehörte. München als Zentrum ökumenischer Kooperation wurde noch einmal erheblich gestärkt durch die nicht zuletzt europapolitisch motivierte Einrichtung der Ausbildungsstätte Orthodoxe Theologie im Jahr 1994, der 2001 die Gründung des Zentrums für ökumenische Forschung folgte. Dies geschah zwar nach der Emeritierung von Wolfhart Pannenberg, liegt aber in der Konsequenz der von ihm maßgeblich mitgestalteten Politik. An keiner anderen universitären Einrichtung Mitteleuropas wirken Vertreter der drei großen christlichen Konfessionen in vergleichbarer Weise zusammen.

Einem autobiographischen Rückblick von Wolfhart Pannenberg ist der Hinweis zu entnehmen, dass sein Vater zeitweilig in Sorge war, er könne über seiner Liebe zur Musik den Schulbesuch sowie die Beschäftigung mit ernsthaften Gegenständen vernachlässigen. Die Sorge des Vaters war offenkundig unbegründet, doch die Liebe zur Musik ist geblieben. Wäre Wolfhart Pannenberg nicht Professor der Theologie geworden, so hätte er wohl die Laufbahn eines Dirigenten eingeschlagen. Im Unterschied zu Karl Barth – der sich im Himmel mit W. A. Mozart auszutauschen gedachte – gilt dabei seine große Liebe eher Frederic Chopin. Ausgeprägt war aber stets auch seine Liebe zur poetischen Kunst. Wir sind darum froh, diesen Festakt nicht nur musikalisch zu rahmen, sondern auch durch Rezitation eines Hölderlingedichts gestalten zu können.

Als Redner beim heutigen Festakt darf ich Jürgen Moltmann aus Tübingen begrüßen. Den Autor der „Theologie der Hoffnung“ (1964), der ganze Generationen von engagierten Christen und Theologiestudierenden inspirierte, den Verfasser zahlreicher in die wichtigsten Weltsprachen übersetzter Bücher wie „Der gekreuzigte Gott“ (1972), „Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie“ (1995) oder „Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre“ einem einschlägig interessierten Publikum eigens vorzustellen zu wollen, hieße Nebelkerzen zu werfen, wo zuvor klare Sicht herrschte. Zu den bemerkenswerten Veröffentlichungen der jüngeren Zeit zählen seine „Erfahrungen theologischen Denkens“ (1999) – eine faszinierende Beschreibung des eigenen theologischen Weges und der biographischen Verankerung der von ihm verhandelten Themen. Gekommen ist er zusammen mit seiner Ehefrau und theologischen Gesprächspartnerin Dr. Elisabeth Moltmann-Wendel, die ich ebenfalls herzlich begrüßen möchte. Was Jürgen Moltmann mit Wolfhart Pannenberg verbindet, ist nicht nur die Leidenschaft des ökumenischen Dialogs und die Weite der internationalen Ausstrahlung. Der ehemalige Kollege aus Wuppertaler Zeiten ist immer Gesprächspartner geblieben – mal kritisch, mal ergänzend, stets aber engagiert im gemeinsamen Ringen um eine den zukünftigen Herausforderungen entsprechende Gestalt des Christlichen.

Ich freue mich, lieber Herr Moltmann, Sie um Ihren Vortrag über „Wege zu einer trinitarischen Christologie“ zu bitten.