Evangelisch-Theologische Fakultät
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Baustelle Kirche

Vom Bauherrn bis zur Einweihung: Die Universitätsgottesdienste im Wintersemester sind eine große Baustelle.

01.09.2009

Der Nordturm der Frauenkirche steht bis hinauf zur welschen Haube im Gerüst. Der Südturm soll in einigen Jahren folgen. Das Wahrzeichen Münchens ist gegenwärtig kennzeichnend für den Zustand vieler Kirchen in der Innenstadt. Vor wenigen Monaten war das Schiff unserer Universitätskirche St. Markus ein klaffendes Loch. Die Fertigstellung verzögert sich, weshalb die Universitätsgottesdienste nach wie vor in der Erlöserkirche “Kirchenasyl” genießen. Die katholische Universitätskirche St. Ludwig steht nicht nach. Seit das bunte Dach wieder im alten Glanz leuchtet, wird der Innenraum saniert. Die Gottesdienste finden im Pfarrsaal statt. St. Matthäus ist gesperrt wegen Betonsanierung und Renovierung des Innenraums. “Rettet St. Lukas!” Seit die Kriegsschäden durch herabfallende Steine offenkundig geworden sind, ist der Protestantendom an der Isar eine Dauerbaustelle.

Soviel Bautätigkeit ist trotz aller lästigen Einschränkungen, die damit einhergehen, ein gutes Zeichen. Eine lebendige Kirche baut immer. Die großen Dome und Münster des Mittelalters waren als Dauerbaustellen angelegt, weil sie die Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem darstellen sollten. Den Bau abzuschließen, wäre widersinnig gewesen. Das Bauen hielt die Hoffnung lebendig. Generation für Generation war am Bau beteiligt, keine konnte erwarten, das fertige Werk zu sehen. “Wir haben hier keine bleibende Statt.”

Das Wort “Kirche” hat mehrfachen Sinn. Es meint das Gebäude ebenso wie das Gottesvolk, das sich darin versammelt. Auch für die Kirche als Institution gilt, dass sie eine Baustelle ist. Das gilt umso mehr, als ihre Steine lebendig sind (1Petr 2,5). Das Unfertige macht die Last, aber auch den Charme der Kirche aus. Ein starrer Bauplan scheint zu fehlen. Der Bau steht immer von neuem zur Disposition. Umbauten sind häufig, und ein Einheitsstil wäre eher hinderlich. Das gilt für den Zusammenhalt der Gemeinde ebenso wie für die institutionellen Grundlagen. Es gibt keinen Stillstand.

Man hat den Grundsatz “Ecclesia semper reformanda est” scherzhaft übersetzt: “Die Kirche ist immer eine Baustelle.” Sie kann sich diesen unfertigen Zustand leisten. Sie überlebt sogar durchgreifende Renovierungen. Denn sie hat einen Bauherrn, der ihren Bestand sichert. Daran zu erinnern, ist in Zeiten von Bau und Umbau heilsam. Man weiß dann wieder, auf welchem Fundament die Kirche erbaut ist und kann unvermeidlichen Verzögerungen, Veränderungen und Kompromissen mit Gelassenheit begegnen. Die Vollendung ist dennoch gewiss. “Wir wolln uns gerne wagen, in unsern Tagen der Ruhe abzusagen, die’s Tun vergisst. Wir wolln nach Arbeit fragen, wo welche ist, nicht am dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst” (EG 254,1).

Prof. Dr. Christoph Levin
Evangelischer Universitätsprediger