Evangelisch-Theologische Fakultät
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Großartige Entdeckung: Bibeltexte auf Palimpsest gefunden

Im Rahmen des DFG-Projekts „Textkritische Ausgabe und Übersetzung des 1 Henoch“, geleitet von Prof. Loren Stuckenbruck, wurde ein Palimpsest in der Staatsbibliothek zu Berlin untersucht. Durch ein Multispektral-Aufnahmeverfahren konnten nun auf dem 246 Seiten umfassenden Schriftstück äthiopische Texte zum Vorschein gebracht werden, die zum Teil bislang unbekannt waren.

20.12.2016

Unter den Manuskripten, die von August Dillmann im Jahre 1878 in seinem Verzeichnis der abessinischen Handschriften (Die Handschriftenverzeichnisse der Königlichen Bibliothek zu Berlin; 3) katalogisiert worden waren, gehört eines − Petermann II Nachtrag 24 − zu den wenigenbekannten äthiopischen Palimpsesten. Die jüngere Schrift auf diesem Palimpsest, datiert in das 17. Jahrhundert, beinhaltet einen Kommentar zur Johannesoffenbarung. Dank der finanziellen Förderung seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der freundlichen Unterstützung durch die Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin (Kurator Christoph Rauch) war es nun möglich, das Manuskript mittels eines Multispektral-Aufnahmeverfahrens zu untersuchen und die ursprüngliche Schrift sichtbar zu machen.

Durch die Aufnahmearbeiten, die vom 24. Oktober bis zum 4. November 2016 stattfanden, wurden die wesentlichen Teile des unteren Textes lesbar und ließen sich als Fragmente von mindestens neun Codices identifizieren. Größtenteils stammen diese Schriftstücke aus dem 14.−15. Jahrhundert oder sind noch älter. Einige davon enthalten altertümliche sprachliche Merkmale, die so nur in den frühesten Ge'ez Manuskripten vorkommen. Inhaltlich geben die Fragmente verschiedene biblische bzw. pseudepigraphische Texte wider: Mehrheitlich sind sie dem Henochbuch und der Apostelgeschichte zuzuordnen, stammen aber auch aus einem alttestamentlichen Lektionar, einem Homiliar sowie aus mehreren hagiographischen Codices.

Bei dem Projekt wirkten verschiedene Spezialisten-Teams mit:

a) die Early Manuskript Electronic Library unter der Leitung von Michael Phelps, unterstützt von Damianos Kasotakis und den Experten für Bildverarbeitung Dr. Keith Knox und Prof. Roger Easton (Rochester Institute of Technology)

b) Mega-Vision (Link: http://mega-vision.com/index.html), geleitet von Ken Boydston

c) die „Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)“ und das „Centre for the Study of Manuscript Cultures“ (Universität Hamburg), vertreten durch Prof. Ira Rabin und Ivan Shevchuk

d) Prof. Dr. Loren Stuckenbruck und Ted Erho vom Lehrstuhl für Neues Testament mit dem Schwerpunkt antikes Judentum der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, die die äthiopischen Textfragmente übersetzen und näher bestimmen.

Das Video, produziert von Ken Boydston/Mega-Vision, zeigt auf beeindruckende Weise das Hervortreten des ursprünglichen Textes.