Evangelisch-Theologische Fakultät
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Nachruf - PD Dr. Michael Becker (17.01.1958 – 18.04.2018)

23.04.2018

Auch wer Michael Becker kannte, wusste meistens trotzdem nur um einen Teil der vielseitigen Betätigungen, die er über fünfunddreißig Jahre, während des Studiums und wissenschaftlicher Tätigkeit, kompetent und auf höchstem Niveau ausübte. Blicken wir auf die letzten zehn Jahre, so war er ein durchwegs hochgeschätzter Studiengangskoordinator und Studienberater sowie Lehrbeauftragter im Fachbereich Neues Testament, sowohl an der Evangelisch-Theologischen Fakultät München als auch zuweilen am Institut für Evangelische Theologie in Regensburg und an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Erlangen. Darüber hinaus verband Michael Becker seine Lehrtätigkeit mit einem bemerkenswerten, uneigennützigen Engagement für die pädagogische Ausbildung von Studierenden, die einen Abschluss für das Lehramt an Grund- und Realschulen anstrebten. Dementsprechend hat er seit 2012 immer wieder Lehrveranstaltungen mit Frau Ursula Busley am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ulrich Schwab für Praktische Theologie und Didaktik des Religionsunterrichts gehalten. Doch reicht der Verweis auf seine dienstlichen Funktionen nicht aus, um seine Bedeutung für die Evangelische Theologie in München angemessen zu würdigen. Michael Becker kooperierte mit Kolleginnen und Kolleginnen außerhalb der eigenen Fakultät, etwa mit der Studienkoordination der Katholisch-Theologischen Fakultät und als aktiver Mitgestalter des MA-Studiengangs Jüdische Studien mit der Kollegenschaft in den Fakultäten für Geschichte und Kunstwissenschaften wie auch für Kulturwissenschaften. Vielleicht auch mehr als jeder seiner Kolleginnen und Kollegen an der Evangelisch-Theologischen Fakultät, wurde er zugleich Ratgeber von Studierenden unterschiedlichster Ausrichtungen: ihm wurden regelmäßig auch komplizierte Fragen in „Krisen“-Situationen gestellt, und bei seinem ermutigenden und oft erfolgreichen Umgang mit dem scheinbar Unlösbaren wirkte er als engster Vertrauter. Wer sich von ihm beraten ließ – und das war fast jeder, wie bis zuletzt die lange Schlange von seiner Tür während der Sprechstunde bewies -, wusste sich in zuverlässigen Händen. Der Mitarbeiter Michael Becker wird der Fakultät, wenn nicht auch der LMU München, sehr fehlen.

Doch zeichnete sich Michael Becker auch als Wissenschaftler besonderer Art aus. Aus rein akademischer Sicht bewies er sich als Spezialist in verschiedenen Disziplinen, die normalerweise kaum in einer Person vereint werden: Er war Neutestamentler, Fachgelehrter in frührabbinischer Tradition und spätjüdischer Apokalyptik sowie Experte sowohl in den hebräischen als auch den aramäischen Texten vom Totem Meer, abgesehen von seinen Kompetenzen mit Blick auf Wissenschaftstheorie, Ethik der Naturwissenschaften und die Überblickskenntnisse zur Islamwissenschaft und Psychologie, die er sich zunehmend aneignete. Formal stellte er anzuerkennende wissenschaftlichen Leistungen sowohl durch seine mit „summa cum laude“ ausgezeichnete Promotion (2001) als auch eine Habilitation (2012) deutlich unter Beweis. In der Dissertation, die 2002 mit dem Titel „Wunder und Wundertäter im frührabbinischen Judentum“ in der renommierten WUNT-Reihe vom Tübinger Verlag Mohr Siebeck veröffentlicht wurde, griff er frühe rabbinische Traditionen grundlegend auf, um die mutmaßlichen Vorstellungswelten für Jesus als Wundertäter aufzuhellen. Ihm gelang es durch eine äußerst differenzierte und ergiebige Quellen-Analyse rabbinischer Literatur, der in der Wissenschaft verbreiteten Annahme, die „Wundertradition“ Jesu und der frühchristlichen Überlieferungen seien hauptsächlich dem „pagan-hellenistischen Bereich als primären Quellgrund“ zu verdanken, entgegenzuwirken. Ohne sich dabei auf die falschen Alternativen von entweder „jüdischen“ oder „hellenistischen“ religiös-kulturellen Bereichen einzulassen, entwickelte er einen Verständnishorizont, nach dem die Vielfalt frührabbinischer Texte für die Wahrnehmung „Jesu Selbstverständnis und die Erstrezeption und –reflexion seines Handelns“ Unentbehrliches beitragen. So konnte Becker die konkurrierenden Vorstellungen von Jesus als „Magier“ und „Wundertäter“ angemessener als zuvor als tragfähige Kategorien in besonderen Kontexten herausstellen, die die in der Antike unterschiedlichen Reaktionen auf Jesus erklärten. Allein durch dieses Werk wurde und wird Michael Beckers Ruf wie auch seine nachhaltige Wirkung gesichert. Um die frühe Jesus-Überlieferung als grundliegend jüdisch wahrzunehmen, wird man die nächsten Jahrzehnte an dieser Monographie nicht vorbeikommen.

Die 2012 erfolgte Habilitationsschrift besteht aus einer Sammlung von Aufsätzen, die vor allem Denkstrukturen neutestamentlicher und frühjüdischer Schriften (Paulusbriefe, jesuanische Überlieferungen, Johannesevangelium, und die Spätapokalyptik des Judentums) in theologisch-exegetischer und traditionsgeschichtlicher Hinsicht zum Gegenstand haben. Was oftmals in der exegetischen Wissenschaft nicht erreicht wird, gelang Michael Becker immer wieder, nämlich in ein Gespräch mit der jüdischen Tradition einzutreten, bei dem diese nicht bloß als „Hintergrund“ für das überragende Christliche fungiert, sondern als Partnerin zur Jesusbewegung in einem gemeinsam geteilten Kulturraum. In dieser Hinsicht wird das frühe Christentum humanisiert und dabei realistischer dargestellt, ohne die Besonderheiten der johanneischen und paulinischen Theologie aus dem Blick zu verlieren. So gehört er in seinem einschlägigen Kapitel, das ursprünglich 1999 unter dem Titel „Zwischen Rezeption und Verkündigung: Argumentationsstrukturen in 1 Kor 1-4“ veröffentlicht wurde, zu den ersten, die die Wichtigkeit der damals neueditierten Weisheitstexte aus Qumran für die neutestamentliche Exegese erkannten, vor allem in der frühjüdischen Kombination einer „geheimnis“- und schöpfungsorientierten Ausrichtung der Weisheit und eschatologisch-apokalyptischen Erwartungen (so in der Mahnrede aus 4Q), die sich in Paulus’ Ausführungen zur Weisheit im 1 Korinther 2-4 wiederspiegeln. Ähnliches gilt für die Heranziehung des „Messias“-Texts in 4Q521 für die Wahrnehmung jüdischer Ansätze hinter der Überlieferung von „Q“, die Jesus u.a. die Totenerweckung unterstellt. Zudem konnte er den Ansatz seiner Dissertation nun für die Zeichen-Wunder im Vierten Evangelium mit Blick auf das rabbinische Schrifttum fruchtbar machen. Weiterhin geht Becker auf den paulinischen Diskurs zum Bösen und zur Sünde ein, um diese Konzeptbereiche zu unterscheiden, sie auf dem Hintergrund eines vorauszusetzenden jüdisch-apokalyptischen Fundaments als rahmenschaffende Tempus-Struktur zu profilieren, um wiederum die eher anthropologische Orientierung paulinischen Denkens, das sich einer „Satan“-Gestalt nicht gerade häufig bedient, zu erklären. Die entscheidende Weltanschauung, in deren Kontext sich das spannungsvolle paulinische Konzept von Heilszustand und noch währenden bösen Machtverhältnissen verständlich machen lässt, sei vor allem bei den späteren frühjüdischen Apokalypsen 4. Esra und 2. Baruch zu finden. In diesem Zusammenhang steuert Michael Becker eine Studie bei, die diese apokalyptischen Schriften für die Zeit der Entwicklungen Richtung rabbinischen Judentums plausibel macht. Kaum ein anderer hat die Korrelation der Apokalyptik des 2. Jahrhunderts mit rabbinischen Überlieferungen so ausdifferenziert untersucht. Obwohl die rabbinische Literatur weitgehend auf „apokalyptisch“ bedingte Sprachdiskurse verzichtete, ergibt sich in der Folge dennoch ein Horizont, in dem diese unterschiedlichen Ausdrucksweisen des Judentums einander als ergänzend verstanden werden können und, trotz aller Spannung, zuzuordnen sind. Beckers souveräne Handhabung der sehr komplexen Quellenmaterialien des noch vielfältigen Judentums im 2. Jh. ist eine Besonderheit, die auch künftig Anerkennung finden wird. Als Gesamtergebnis der Habilitationsleistung wird man festhalten können, dass sich jüdische und neutestamentliche Denkweisen und sogar Theologien nicht in abgetrennten Schubladen aufteilen lassen.

Die wissenschaftlichen Leistungen von Michael Becker sind Ergebnis seines Werdegangs. In Frankfurt am Main als Sohn eines Mediziner-Ehepaars geboren, besuchte er ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium und arbeitete auch ehrenamtlich im Evangelischen Jugendwerk in Frankfurt am Main mit. Auf Hochschulebene schloss er sein erstes Studium in der katholischen Theologie und Philosophie mit dem „Examen Philosophicum“ ab, bevor er sich der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zuwandte. Sein Studium der evangelischen Theologie erfolgte 1982-1988 an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und in der Lutherisch-theologischen Hochschule in Oberursel. Während der Heidelberger Zeit heiratete er Dagmar Irene Krämer, die ihn bis zu seinem Tod stützend mehr als fünfundfünfzig Jahre durchs Leben begleitete. Besonders prägend war darüber hinaus sein Studium an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Er arbeitet am neutestamentlichen Lehrstuhl von Prof. Dr. Heinz-Wolfgang Kuhn, zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft (1982-1984), dann - ab 1984 - nahm er am Projekt „Qumran und das Neue Testament“ seines Lehrers teil, und war schließlich, nach Kuhns Wechsel nach München, von 1988-2005 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neues Testament an der LMU beschäftigt. Während dieser Zeit beteiligte er sich gelegentlich an Lehre und Forschung anderer Lehrstühle z.B. von Jörg Frey (1999-2000; 2002-2005), Alexander Wedderburn (2001-2002), Eckart Otto (2002-2004) und Lukas Bormann in Bayreuth (2007-2008).

Viele Kolleginnen und Kollegen werden Michael Beckers Teilnahme an Seminarveranstaltungen als Gesprächspartner und „Mitleser“ von Primärquellen vermissen. Ohne sich oder seine kaum zu übertreffenden Sprachkenntnisse in den Vordergrund zu drängen, sorgte sein Dasein für einen psychisch und pädagogisch gesunden Rahmen für den intellektuellen Austausch. Er war immer bereit, anderen Meinungen Raum zu geben und ausgeglichen auf sie zu reagieren. In einer wissenschaftlichen Kultur, die eine gewisse Konkurrenz und Durchsetzungskraft unter Kolleginnen und Kollegen oftmals fordert und fördert, wirkte Michael Beckers kompetente und zugleich entspannte Art erfrischend – bei aller Offenheit in notwendigen Auseinandersetzungen. Die wissenschaftliche Leistung und die Person Michael Becker wird somit nicht in Vergessenheit geraten. Die neutestamentliche Wissenschaft in München und die Evangelisch-theologische Fakultät wird seiner mit Achtung und Dankbarkeit gedenken. Seiner Frau, seinen Söhnen, Geschwistern und Großfamilie gilt das herzlichste Beileid.

Loren Stuckenbruck
Lehrstuhl Neues Testament
Evangelisch-Theologische Fakultät
Ludwig-Maximilians-Universität München