Evangelisch-Theologische Fakultät
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Studie zu Kirche und Corona: Mehr an den Alltag denken

Die Ergebnisse der Langzeitstudie „Lebensgefühl Corona“ zeigen: Menschen erwarten von Kirche und Religion vor allem praktische Lebenshilfe.

15.11.2021

Wie geht es den Menschen nach knapp zwei Jahren Pandemie und wie kann man ihnen helfen? Mit diesem Ziel starteten evangelische Kirche und Diakonie in Kooperation mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU die qualitative Langzeitstudie „Lebensgefühl Corona“, deren Resultate nun in Berlin vorgestellt wurden.

„Zu den wichtigsten Ergebnissen zählt, dass das Lebensgefühl der Menschen während der Pandemie sehr ambivalent war und die Erwartungen an die Kirche bescheidener und vor allem stärker auf Alltagsbedürfnisse ausgerichtet sind, als die Kirche oft annimmt“, fasst LMU-Theologe Professor Christian Albrecht aus der Abteilung für Praktische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät zusammen.

Um die psychosozialen Folgen der Pandemie zu erforschen, wurden ab dem Sommer 2020 ein Jahr lang 50 Menschen begleitet und zu verschiedenen Zeitpunkten dazu befragt, wie sie mit der Krise umgehen und was sie bewegt. Daraus ergab sich sozusagen ein Stimmungsbarometer, das die Zuspitzungen und Entspannungen der Pandemie und vor allem die Unsicherheit angesichts der ungewissen Zukunft widerspiegelt. Die Ergebnisse zeigen aber auch: Die Menschen hatten nicht nur unterschiedlich heftig unter der Krise zu leiden, sie haben auch sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagiert. Die Forschenden konnten dabei acht Typen voneinander abgrenzen: die „Achtsamen“, die „Ausgebrannten“, die „Denker:innen“, die „Empörten“, die „Erschöpften“, die „Genügsamen“, die „Mitmacher:innen“ und die „Zuversichtlichen“. Durch den auf Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelten Pandem-O-Mat kann ab jetzt jeder selbst online testen, zu welchem Typ er gehört.

Für den LMU-Theologen Christian Albrecht war auch die zweite Forschungsfrage der Studie besonders interessant: Was schenkte den Menschen in der Krise Zuversicht und welche Rolle spielten Religion und Kirche dabei? Das Ergebnis deckt sich nicht unbedingt mit der kirchlichen Selbstwahrnehmung. „Die Kirche empfindet den Auftrag, die großen Sinnfragen anzugehen, für die Menschen spielen aber die kleinen Dinge eine viel größere Rolle“, so Albrecht. Den Menschen sei es wichtig, dass die Kirche ihnen in ihrer konkreten Lebenssituation helfe und Beistand leiste. Besonders im Gottesdienst und in der Seelsorge komme das zum Ausdruck. Die Kirche müsse hier aktiv auf die Menschen zugehen, nah sein und direkte Hilfsangebote machen. Definitiv nicht gewollt seien Politisches oder der mahnende Zeigefinger, der vorschreibt, wie man zu leben hat.

Gleichzeitig gebe es auch eine große Bereitschaft, sich selbst kirchlich und sozial zu engagieren. „Die Bereitschaft, sich langfristig zu engagieren, ist zurückgegangen“, sagt Albrecht. Die Menschen wollten stattdessen zu konkreten Projekten gefragt werden, was sie dazu beitragen können und wollen.

Vor Christian Albrecht und den anderen Forschenden liegt noch viel Arbeit: „Wir haben die Studienergebnisse noch gar nicht ausgeschöpft“, so der Professor. In die Zukunft mitnehmen würde Albrecht außerdem gerne den Ansatz der Studie, bei der Menschen direkt gefragt wurden, was sie von der Kirche erwarten. So ließe sich noch mehr darüber erfahren, was sich die Menschen an Hilfe und Angeboten von der Kirche erwarten und wie diese am besten darauf eingehen kann. Fest steht für Albrecht aber schon jetzt: Ein Umdenken ist nötig – und auch möglich. „Die Kirchen müssen ihren Mitteilungsdrang herunterfahren, sich stärker an den Erwartungen der Menschen ausrichten, mehr nach deren Wünschen und Bedürfnissen fragen – und konkrete Hilfsangebote machen“, so Albrecht. Ein solcher Wandel sei auch mit den aktuellen personellen Ressourcen der Kirchen durchaus machbar.